Germans to the front

Warum wir unseren Speiseplan ändern müssen, der Klops nicht zur Leitkultur zählt und der Papst von Angela Merkel schwärmt

Der Wochenrückblick mit Klaus J. Groth – 20.02.16

Immer häufiger sehne ich mich nach der Zeit zurück, als vor dem Schreiben einer Glosse mindestens ein halber Bleistift zernagt werden musste, ehe man wusste, welche aktuelle Tölpelei einer Glosse würdig sei. Das waren die Zeiten, in denen beinahe alles so normal wie langweilig war. Das war, bevor wir erfuhren, dass Deutschland sich verändern soll. Bevor alles bunter und spannender werden sollte, wie uns die Kanzlerin versprach. Und dies nun flugs mit vielen Helferlein (gewählten, amtlichen und ehrenamtlichen) in Taten umsetzt. Das geht so fix, da kommt man gar nicht mehr nach. Auf dem Bleistift muss nun nicht mehr gekaut werden, weil einem die Stichworte für Glossen nur so um die Ohren fliegen. Man kann nicht so schnell sammeln, wie sie abgesondert werden.

Veränderungen fangen ganz klein an. Bloß nicht alles an die große Glocke hängen. Man sieht doch, was dabei rauskommt, wenn einer lautstark die Pflicht-Frikadelle für dänische Kitas fordert. Die ganze Welt lacht sich krumm. Nur die Dänen nicht. Die können mehrheitlich dem Gedanken durchaus etwas abgewinnen. Na ja, es sind eben Dänen, die machen auch die Grenze dicht, wenn sie sich bedrängt fühlen. Der deutsche Weg – und das ist schließlich immer der bessere Weg – führt anders. Da lässt man die Frikadelle und was sonst noch vom Schwein sein könnte, auf dem Speiseplan der Kindertagesstätten weg – und spricht nicht drüber. Es wird sich schon keine Dreijährige zuhause darüber beklagen, dass sie wieder einmal keine Frikadelle essen durfte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete, dass in der Küche eines Caterers, der 17 Kitas in Frankfurt beliefert, für 16 der Einrichtungen kein Schweinefleisch mehr verwendet wird. Der Verzicht sei von den Kitas gewünscht worden. Ähnlich ist das Bild bei den städtischen Kitas. Das nennt man wohl Islamisierung durch die kalte Küche.

Vielleicht ist Horst Seehofer deshalb so grantig. Weil er die Sache, wie es die Kanzlerin schließlich stets fordert, vom Ende her denkt. Bayern ohne Schweinshaxe, das ist nicht mehr Seehofers Bayern. Obwohl weder Schweinshaxe noch Frikadelle oder Königsberger Klopse (die einfachen, die mit gemischten Hack) Teile der deutschen Leitkultur sind. Zum deutschen Kulturgut zählen sie auch (noch) nicht unbedingt. Das kann sich allerdings ändern, wenn auch Grünkohl mit Schweinebacke der Veränderung Deutschlands zum Opfer fällt und nur noch schöne Erinnerung ist.

Aber hätte der Seehofer Horst in seiner Sorge um die Schweinshaxe so massiv auf den Putz hauen müssen? Musste er gleich von der „Herrschaft des Unrechts“ sprechen? Herrschaften nochmal, da ist wohl nicht nur die Merkel Angela zusammengezuckt. Obgleich, sie hat sich nichts anmerken lassen. Nicht einen Millimeter tiefer sind die Mundwinkel nach unten gerutscht.

Warum auch? So viel Zuspruch wie Angela Merkel hat so schnell niemand! Wie bitte? Wer denn, was denn, wo denn? Bitte sehr: Egon Krenz und Papst Franziskus! Mehr Bandbreite geht doch wohl nicht. Wenn die Gravitationswellen der kosmischen Schwingungen eines Egon Krenz, dieses Ziehsohnes Erich Honeckers und letzten SED-Generalsekretärs, nicht überall wahrgenommen wurden, ist das allerdings nicht weiter verwunderlich. Der Ex-Staatsratsvorsitzende hat sich in Neubrandenburg im kleinen Kreis (ehemaliger) Genossen über die Kanzlerin ausgelassen – gewissermaßen als Kollege zu Kollegin. Eigentlich wusste er nicht viel Gutes über die Kanzlerin zu sagen, aber ihre Flüchtlingspolitik, die lobte er als „human“. Und um das Lob so richtig anzufetten, folgte dieser Satz: „Wenn ich Angela Merkel sehe und höre, denke ich: Ein Stückchen DDR steckt eben immer noch in ihr.“ Den (ehemaligen) Genossen hat es gefallen, sie klatschten heftig. Angela Merkel, wenn sie denn von diesem vergifteten Lob erfahren hat, ließ es unkommentiert. Genau wie die Rempelei des Seehofer Horst.

Da ist Papst Franziskus doch ein ganz anderes Kaliber. Auf dem Flug nach Kuba, wo die Genossen noch keine ehemaligen sind, fand er zu Herzen gehende Worte, bekannte er, die Kanzlerin zu mögen, nannte er sie „eine Person guten Willens“. Und dann: „Ich bete für sie.“ Wie hat er denn das gemeint? Will er vielleicht zum Ausdruck bringen, nun helfe nur noch beten? Jetzt, wo an allen Ecken und Enden des Weges über den Balkan Natodraht ausgerollt wird, eine Allianz der Unwilligen Löcher in Mazedoniens Grenze abschottet, den bedrängten Mazedoniern Polizisten und Soldaten zur Seite stellen möchte und sogar der vorgebliche Sprössling des Grafen Dracula, dieser Ungar Viktor Orbán, gemeinsame Sache mit Österreich macht. Ja, wenn selbst Österreich den Brenner dichtmachen will, was soll da noch helfen?

Doch, es gibt noch einen anderen Nothelfer. Wie weiland vor über hundert Jahren beim Boxeraufstand in China, erschallt nunmehr in der Ägäis der Ruf: „Germans to the front!“ Gestern gedacht, heute gemacht. So schnell kann es gehen. Der Marineversorger „Bonn“ als Flaggschiff eines Nato-Verbandes übernimmt die Jagd auf Boote der Schleuser. Donnerwetter! Da rauschte die Bugwelle so schnell hoch, dass die üblichen Bedenkenträger den neuen Kurs gar nicht richtig mitbekommen haben. Doch man sollte sich nicht zu früh freuen. Denn eigentlich hat der Verband Jagdverbot. So wie dereinst die Bundeswehr in Afghanistan. Dorthin war sie ja auch nur abkommandiert, um Brunnen zu bohren und Schulen zu bauen. Brunnen bohren und Schulen bauen in der Ägäis, das wäre allerdings blöd. Diese faule Ausrede fiele selbst dem schlafmützigsten MdB auf. Aber Menschenschmuggler jagen, das kommt gut. Dumm nur, dass die gestellten Menschenschmuggler nicht aufgebracht werden dürfen. Das muss die Küstenschutz erledigen, die türkische oder die griechische, egal. Bis die zur Stelle ist, das kann dauern. Da müssen sich die gestellten Fluchthelfer eben ein bisschen gedulden.

Nein, es ist wirklich nicht einfach, in solchen Zeiten Zuspruch außerhalb des Kanzleramtes zu finden. Da kommt ein Mann aus Hollywood gerade recht. George Clooney, ohnehin auf Werbetour in Berlin unterwegs, ließ sich gerne auf eine Tasse Nespresso (what else) von der Kanzlerin einladen und sagte ganz brav über deren Flüchtlingspolitik: „Ich bin absolut einverstanden damit.“ Ja, wenn das so ist, was gibt es dann noch zu meckern …

Quelle und vollständiger Artikel: PAZ

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