Insekten statt Schweinefleisch

von Peter Schmidt, Präsident des DAV – 19. September 2016

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An keinem Platz der Erde lebt es sich so schön und sorglos wie in der imaginierten Traumwelt des religiös Beseelten. Unsere Überflussgesellschaft bietet den besten Nährboden für unzählige dieser Traumwelten. Hier kann jeder, bei dem sich prekärer Bildungsstand mit gutem Willen und Verantwortungslosigkeit paart, Welten virtuell schaffen und bevölkern. Ungezählte dieser Parallelwelten haben wir inzwischen – bedrohlich daran ist, dass aus den Schichten heraus, die man früher als „gut gebildet“ bezeichnet hätte, kein „Stoppt den Wahnsinn“ mehr öffentlich bekundet wird.

Eine dieser Heilsideen: Insektenproteine zur Ernährung der Menschheit.

Insekten als Proteinlieferanten, das Ende der Massentierhaltung. Asien, Afrika, Japan und viele andere Länder machen es uns vor: Geht doch! Mücken, Schmetterlingsraupen und Kakerlaken werden gefuttert, was das Zeug hält. Ordentlich knackende Wanzen liefern die Proteine, die wir brauchen und gleichzeitig der Welt die Erlösung bringen. Was den Syltern ihre Krabben, sind Chinesen und Ökos in siedendem Wasser gesottene Seidenraupen.

Wie zu hören ist, untersuchen Forscher in gutdotierten und großanlegten Projekten, wie sich Heuschrecken, Insekten und Würmer als Grundlage unserer Nahrung von morgen nutzen lassen können. Das, was unsere Vorfahren in grauen Notzeiten neben dem Kitt vom Fenster fraßen, kommt nun zu neuen Ehren: »Schoko-Berge mit Mehlwürmern«. Schadbefall, den unsere Vorfahren noch unbedingt aus dem Mehl heraushaben wollten.

Die Lisas, Lenas und Ann-Kathrins, die in den TV-Sendern „was mit Medien machen“ dürfen, produzieren Sendungen wie »Rezepte für Insekten« – als Bildungsfernsehen.

Nein, nicht für Insekten als Zuschauer, so genau haben die das mit dem komplizierten Deutsch  verstanden. Die gutmeinenden Bekehrerinnen meinen natürlich Rezepte für die Zubereitung von Insekten.

Entomophagen stürmen jetzt Anglerläden und Zoohandlungen auf der Suche nach Coleoptera, Hymenoptera, Orthoptera und Isoptera, also Käfer, Hautflügler, Heuschrecken und Termiten. Leckereien von morgen.

Angriffsziel der neuen Gourmets: Die Massentierhaltung.

Ohne diese Massentierhaltung aber droht die bange Frage: Wie füttern wir die bald 10 Milliarden Menschen?

Halten wir zunächst einmal fest: Auch die Kakerlake produziert Ausscheidungen. Da werden Lena, Lisa und Ann-Kathrin „ganz doll erstaunt sein“, aber es ist in der Natur nun einmal so.

Insekten produzieren einzeln natürlich nur einen Bruchteil der Klimagase, die zum Beispiel Rinder verursachen. Aber eine einzige Heuschrecke taugt ja auch nicht mal als Vorspeise. Es müssen Billionen von Insekten rangeschafft werden. Täglich.

Auch Insekten atmen und produzieren CO2, nicht anders als Kuh, Schaf und Lena und Kathrin. Ebenso Ammoniak und Lachgas. Und stoßen neben Kot auch Methan aus. Und jetzt mal einen Taschenrechner hergenommen, denn nun kommen wir in bedenkliche Rechengrößen. Wenn wir ausrechnen, was sämtliche Termiten, Kakerlaken und Spinnen an Stoffwechselprodukten ausstoßen wird unsere Angst um die Zukunft des Planeten keineswegs kleiner.

Insekten sind wechselwarme Tierchen. Sie passen sich der Temperatur ihrer Umgebung an, und ihr Organismus funktioniert trotzdem wunderbar. Das ist für sie gut, weil nicht der größte Teil ihrer Nahrung, wie bei uns, für die Erhaltung der Körpertemperatur draufgeht, sondern der Funktion des Organismus dienen kann. Wir stopfen dreiviertel unserer Nahrung hinein, nur um unsere Körpertemperatur aufrechtzuerhalten.

Bei Insekten ist das anders: Der Insekten-Organismus funktioniert nur bei hohen Außentemperaturen gut – eben wie in den Tropen. Dort gehören sie hin. Hier müssten erhebliche Mengen an Energie von außen zugeführt werden, damit die »Mastleistung« stimmt.

Rinder und die meisten Tiere hierzulande sind gut an die niedrigen Außentemperaturen angepaßt, haben Fell und wärmende Fettschichten, gehören also hierher und sind als Nahrungsproduzenten ziemlich sinnvoll. Die fressen noch auf Weiden und Hochalmen, auf denen sonst nichts mehr wachsen würde, verwerten mit ihren ziemlich komplizierten vierfachen Mägen Grünfutter, das ansonsten kaum nutzbar wäre.

Wenn in großen, gut gewärmten Mastanlagen Insekten für Milliarden Menschen produziert werden, dann ist das eine noch gewaltigere Massentierhaltung, als wir sie jemals hatten.

Milliarden von kleinen Tierchen auf einem Haufen müssen überleben, Keimen trotzen und sich fortpflanzen. Wenn Bakterien und Viren nicht obsiegen sollen, dann müssen sie mit erheblichen Mengen an Antibiotika bekämpft werden. Die Fortpflanzung muß mit Hormonen gesteuert werden, sonst funktionieren Heuschrecken-Brut- und Mastanlagen nicht.

Milliarden kleiner Tierchen krabbeln durch die, ja, wie soll man sagen, Käfige, entweichen hoffentlich nicht – und müssen »geschlachtet« werden. Davor steht der Tierarzt, der eine Fleischbeschau wie bei Schwein und Rind machen muß.

Die Rückverfolgbarkeit soll sichergestellt werden. Der Kunde muß wissen: Woher kommt meine Kakerlake? Hatte sie ein gutes Leben?

Ganz wichtige Frage auch hier: halal oder helau?

Bald kommen die nächsten »Auch Heuschrecken haben eine Seele«- und »Das geheime Leben der Heuschrecken«- Bestseller auf den Markt und verderben wieder den Spaß. Also müssen auch Insekten unter Schutz gestellt werden: Nichts mehr ist es mit dem unbeschwerten Knabberspaß.

Am Ende ist das alles aber auch nur eine Idee der Vegetarier und Veganer – die wären dann auf jeden Fall fein raus.

Quelle: Deutscher Arbeitgeberverband e. V. (DAV)

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