JEDER NACH SEINEN FÄHIGKEITEN, JEDEM NACH SEINEN BEDÜRFNISSEN.

von Konrad Paul Liessmann, Professor für Philosophie und Ethik

Über Chancengleichheit und
die Forderung nach Bildungsgerechtigkeit

In letzter Zeit macht viel die Generation Y von sich reden. Also jene Menschen um die 30, meist mit höheren Bildungsabschlüssen, die angeblich vieles leichter nehmen und anders bewerten als ihre Vorfahren. Nicht mehr Arbeit, Leistung und Karriere dominieren dieses Lebenskonzept, sondern Freiräume, die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, ein ausgeglichenes, stressfreies Verhältnis von Arbeitszeit, Freizeit und Familie und die konsequente Orientierung an den eigenen Bedürfnissen sind die zentralen Forderungen der Generation Y.

Auch wenn dieses Bild der „Ichlinge“ und „Egotaktiker“ nur auf eine kleine Gruppe von jungen Menschen zutreffen sollte, so spiegelt sich darin doch eine Haltung wider, die sich mittlerweile auch im Bildungsbereich bemerkbar macht und durch eine konsequente Ich-Zentrierung auszeichnet, die dem Bewusstsein der Generation Y entspricht. Das Prinzip „Jeder (lernt) nach seinen Fähigkeiten, jedem (werden die Angebote) nach seinen Bedürfnissen (maßgeschneidert)“ scheint im Hintergrund dieser Haltung zu wirken, ja, es scheint genau das zu beschreiben, was auch für eine „inklusive“ Schule gefordert wird.

Die Orientierung an den besonderen Fähigkeiten der Schüler, die Entdeckung und Pflege ihrer besonderen Talente und Begabungen, die Berücksichtigung ihrer Beeinträchtigungen und Abneigungen tritt an die Stelle der Vorstellung, dass Unterreicht wesentlich damit zu tun haben könnte, bestimmte Formen und Inhalte des Wissens und den Erwerb von Kulturtechniken als verbindliche Ziele zu beschreiben, die unabhängig von individuellen Neigungen angestrebt werden sollten. Lernangebote müssen deshalb individuell zugeschnitten werden, die Vermittlung von Wissen, Kenntnissen und Können orientiert sich nicht mehr an der Sache, am Gegenstand, an einem Fach, Thema, Text oder Problem, sondern an den Befindlichkeiten und Möglichkeiten des Einzelnen.

Konsequent zu Ende gedacht bedeutete dies, dass Abschlussbescheinigungen wie etwa Reifeprüfungszeugnisse nicht mehr für den Nachweis vergeben werden, dass allgemeinverbindliche Standards erreicht worden sind, sondern dafür, dass jeder Jugendliche im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner Interessen sich einigermaßen entfalten konnte.

Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen: Diese Formel entspringt allerdings nicht der bildungspolitischen oder soziologischen Diskussion der Gegenwart, sondern stammt von Karl Marx, der mit dieser griffigen Parole pikanterweise das Grundprinzip der entwickelten kommunistischen Gesellschaft beschrieb, in der die „Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums“ nur so sprudeln. Marx wusste noch, dass die uneingeschränkte Entfaltung von Individualität einer materiellen Basis bedarf, die es erlaubt, die Lebenschancen des Einzelnen gerade nicht davon abhängig zu machen, ob er sich durch eine Kette von Ausbildungen und Qualifikationen am Arbeitsmarkt gegen eine mitunter übermächtige Konkurrenz wird behaupten können. Diese Möglichkeit hatte Marx allerdings weit in die Zukunft, in eine „höhere Phase“ einer kommunistischen Gesellschaft verschoben. Die Generation Y und die von OECD und Bertelsmann-Stiftung forcierte Reformpädagogik leben offenbar schon jetzt danach.

Wir machen es uns ja wirklich nicht einfach. Einerseits soll sich alles am Kind und am Jugendlichen orientieren, andererseits soll Bildung aber nach wie vor der entscheidende Faktor sein, der über die soziale und ökonomische Position, die jemand in der Gesellschaft einnehmen soll, ebenso entscheidet wie über die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Und es soll dabei nicht nur Chancengleichheit, sondern – so eine neue Errungenschaft reformpädagogischen Vokabulars – Chancengerechtigkeit herrschen bzw. hergestellt werden. Hier liegt ein unauflösbarer Widerspruch vor: Wettbewerbe kennen – im Idealfall – wohl Chancengleichheit, aber keine Chancengerechtigkeit, sonst gäbe es keine Sieger – diese aber sind der Sinn jedes Wettbewerbs. Es fragt sich überhaupt, ob Begriffe wie Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit nicht mehr verraten, als es denen, die diese Begriffe gerne gebrauchen, lieb sein kann. Denn in der „Chance“ stecken schon der Zufall und die Wahrscheinlichkeit. Eine Chance bezieht sich immer auf Ereignisse, die eintreten können, aber nicht eintreten müssen, eine Chance nützen können impliziert immer, dass man sie auch ungenutzt lassen könnte. Chancen kann man auch vorübergehen lassen, und das ist kein Akt der Ungerechtigkeit. Ich darf nur niemandem seine Chancen vorenthalten. Aber: Gerade wenn jeder seine Chance hat, bedeutet dies, dass nicht jeder sie in gleicher Weise wird nutzen können – das mag an ihm liegen oder an Verhältnissen, die Chancen auch zunichtemachen können.

Wenn alle, was Bildung betrifft, nicht nur die gleichen Chancen haben, sondern auch dafür gesorgt werden könnte, dass diese Chancen und ihre Nutzung gerecht verteilt würden, könnten oder dürften davon auch keine ökonomischen und sozialen Positionen mehr abgeleitet werden. Das Leistungsprinzip des bürgerlichen Zeitalters besagte ja, dass über die soziale Position in einer Gesellschaft die Bildung zumindest mitentscheiden soll. Die viel kritisierte Selektionsfunktion der Schule gehorchte – recht verstanden – diesem Imperativ. Setzen wir diesen aus welchen Gründen auch immer außer Kraft, dann müssen die sozialen Positionen – wie in vorbürgerlichen Zeiten – nach anderen Kriterien verteilt werden: Familie, Geld, Beziehungen, Aufenthalt (nicht Bildung) an elitären und teuren Einrichtungen sind dann wieder die entscheidenden Faktoren.

Formale Bildungsabschlüsse, die ursprünglich Chancen für diejenigen eröffnen sollten, die diese Abschlüsse vorweisen und damit auf eine bedeutende Leistung verweisen konnten, verlieren deshalb diese Funktion dann, wenn alle oder sehr viele diese Abschlüsse erhalten und Zweifel an den damit bescheinigten Leistungen und Qualifikationen laut werden. Dass Universitäten und Hochschulen längst dazu übergangen sind, ihre eigenen Anforderungen zu formulieren und die Eignung von Kandidaten nach ihren Kriterien zu überprüfen, korrespondiert mit der Entwertung des Abitur: dieses stellt keine allgemeine Hochschulberechtigung mehr dar.

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