Lehramzleerlinge

Von Peter Helmes

Ein Erlebnis in meiner Bonner Nachbarschaft: Oskar ist 18 Jahre alt und Abiturient. Er schaut hin und wieder bei uns rein und diskutiert mit uns über dies und jenes, auch aus der Schule. Neulich legte er mir seine letzte Klausurarbeit in Deutsch vor, 30 Seiten, tolles Thema („Der Fernsehkonsum meiner Mitschüler“). Dazu hatte er eine aufwendige Befragung veranstaltet und eine exzellente Auswertung gefertigt: Fazit: Je seichter eine Sendung, desto beliebter.

Sein Deutsch-Lehrer hatte die Arbeit mit „ungenügend“ bewertet und zudem rd. 50 Fehler angekreuzt. Der Junge war verzweifelt, weil die Note für das bevorstehende Abitur wichtig war. (Er hat´s dennoch inzwischen mit „gut“ bestanden.) Oskar bat mich, seine Klausur durchzuarbeiten. Ergebnis: Der Lehrer hat 30 (!) angebliche Fehler angestrichen, die keine waren, aber – unglaublich! – in seinen eigenen „Korrekturbemerkungen“ fand ich 25 Fehler (des Lehrers wohlgemerkt). Das war sein DEUTSCH-Lehrer!

Im Lichte dieses ganz privaten Erlebnisses las ich die folgende Nachricht mit offenen Augen:

(Essen) Uni-Dozenten schlagen Alarm: Viele Lehramtsstudenten könnten „keine zwei Sätze fehlerfrei schreiben.“ Schuld sei das „Schreiben nach Gehör“. Zudem machten sie eine überraschende Entdeckung: Die deutsche Rechtschreibung wolle gelernt sein. Gute Feststellung! Doch welche Methode ist die richtige?

„ich habe mit meinem froind carera geschbilt“. Der Schulanfänger, der diesen Satz zu Papier gebracht hat, lernt wahrscheinlich nach der „Reichen-Methode“, die auch als „Lesen durch Schreiben“-Methode bekannt geworden und seit ihrer Anwendung in den ´80er-Jahren umstritten ist. Sie schade vor allem Kindern mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten, meinen die einen. Sie sorge schnell für Erfolgserlebnisse bei den Grundschulkindern, meinen die anderen. Dass die korrekte Rechtschreibung scheinbar als verzichtbar gilt, hat mit der Lernmethodik des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen zu tun, bei der den Kindern in den Grundschulen über Lauttafeln die Rechtschreibung beigebracht wird. Die Kinder sollen die Beziehung zwischen den Buchstaben und Lauten selbst ergründen, und die Lehrer sollen sie dabei nicht korrigieren.

Tägliche Katastrophe

Kritiker warnen seit Einführung der „Reichen-Methode“ vor negativen Folgen. „Die Katastrophe begegnet mir jeden Tag“, sagt der Wissenschaftslektor und ehemalige Kommunikationswissenschaftler der Ruhr-Uni Bochum, Peter Kruck, der WAZ (s.u.). „Die meisten Lehramtsstudenten können keine zwei Sätze fehlerfrei schreiben.“ Und diese kommen anschließend zurück an die Schulen und „haben keine Ahnung von Rechtschreibung“, so Kruck.

Professor: Viele Studenten haben große Probleme

Albert Bremerich-Vos hat nichts gegen das Schreibenlernen mit der Anlauttabelle. Doch sollten Lehrer schon früh auf die richtige Schreibweise achten. Täglich korrigiere er Abschlussarbeiten von Studenten und angehenden Lehrern, und er finde auf 80 Seiten Hunderte Fehler. Das sei inzwischen normaler Standard. Kruck: „Es kommen Leute ins Lehramt, die nie darauf getestet wurden, ob sie die deutsche Sprache überhaupt beherrschen.“ Die Professoren würden es nicht als ihre Aufgabe betrachten, ihren Studenten in diesem Punkt Nachhilfe zu erteilen.

Krucks Vorschläge: Die Reichen-Methode an den Grundschulen sofort abschaffen und Vorbereitungskurse für alle Lehramtsstudenten an den Unis einrichten.

Erfolgserlebnis für Schüler

Dass Lehrer die falsche Rechtschreibung nicht korrigieren dürften, weist Tanja Hilker, Deutschlehrerin an der Theodor-Heuss-Grundschule in Essen, zurück: „Wir sprechen nicht von Korrektur, sondern schreiben unsere Version unter das fehlerhafte Wort.“ Die herbe Kritik an der Reichen-Methode basiere auf Vorurteilen. Denn tatsächlich sorge sie für ein schnelles Erfolgserlebnis und motiviere die Grundschüler. Diese lernten die Laute und später, durch das richtige Abschreiben von Wörtern, präge sich eine korrekte Rechtschreibung ein. „Egal, welche Methode zum Zuge kommt: Die Kinder müssen üben, üben, üben. Ob in der Schule oder Zuhause.“

Lehrer beklagen „Gleichmacherei“ bei Noten

Die Landeselternschaft Grundschule NRW hat sich bereits 2014 in einem Brief an den Landesschulausschuss dafür ausgesprochen, dass Schulen gemeinsam mit dem Kollegium und den Eltern eigenständig im Sinne der Schüler entscheiden sollten, welche Methode der richtige Weg ist. Zum „Lesen durch Schreiben“ sagen die Eltern: „Nicht jedes Kind wird bereit und in der Lage sein, eine falsch erlernte Rechtschreibung nach ein oder zwei Jahren neu zu lernen.“ Doch die klassische Methode – richtig Schreiben von Anfang an – presse die Kinder sofort in ein Gerüst aus Regeln: „Kinder werden den Spaß am Schreiben und Erlernen der Rechtschreibung verlieren.“ (Quelle: Silke Hoock, Christopher Onkelbach in: „Dozenten klagen: Lehramtsstudenten können nicht schreiben“ / WAZ.de).
(Mehr zu diesem Thema auf conservo.wordpress.com)

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