Moskau läutet neue Phase ein

Eurasische Achse gewinnt an Bedeutung:
Russland verpachtet Land an Chinesen

29.06.15

Konkurrenten rücken zusammen: Im Mai einigten Moskau und Peking sich über eine neue Gaspipeline

Bild: Getty

Russland und China, die sich beide vom Hegemon USA bedrängt fühlen, wagen den Schulterschluss. Neben engeren Wirtschaftsbeziehungen gibt es Pläne, den Zuzug chinesischer Arbeiter in Sibrien zuzulassen.

Was vor ein paar Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre, könnte bald zur Normalität werden: Chinesen sollen künftig in den grenznahen Regionen Sibiriens legal siedeln können. Bisher betrachtete Moskau die illegale Einwanderung von Chinesen stets als Gefahr, da sie Vorhut einer chinesischen Invasion sein könnte.

Von diesen Ängsten scheint die russische Regierung sich allmählich zu lösen. In Transbaikalien, einer dünn besiedelten Region im südlichen Sibirien nahe der Grenze zur Mongolei und China, leben nur knapp über 500000 Russen. Der Ackerboden dort zählt zu den fruchtbarsten Böden der Welt. In den vergangenen 30 Jahren ist dieser allerdings nicht mehr bearbeitet worden, teils, weil Arbeitskräfte fehlten, teils, weil es in der rohstofflastigen Wirtschaft an Interesse für die Landwirtschaft mangelte. Nun sollen Chinesen aushelfen. Russland will sibirisches Ackerland für die nächsten 50 Jahre an chinesische Unternehmer verpachten. Ein entsprechendes Pilotprojekt entsteht in Transbaikalien, dessen Regierung mit dem chinesischen Unternehmen Zoje Resources Investment und dessen Tochterfirma Huae Sinban bereits einen Pachtvertrag für 115000 Hektar Ackerland unterschrieben hat. Das chinesische Unternehmen verpflichtet sich, umgerechnet 392 Millionen Euro in die Entwicklung der Landwirtschaft zu investieren. Die Region soll künftig russische und chinesische Märkte mit Agrarprodukten beliefern. Neben dem Anbau von Futtermitteln, Getreide und Ölsamen ist der Aufbau einer Geflügel-, Fleisch- und Milchproduktion geplant.

Dies ist erst die erste Etappe der Zusammenarbeit auf dem Agrar-sektor; die Pläne sollen bis 2018 umgesetzt werden. Wenn sich das Projekt erfolgreich entwickelt, will Russland den Chinesen ab 2019 weitere 200000 Hektar Land verpachten. Für die erste Etappe werden etwa 3000 chinesische Arbeiter benötigt.

Damit die Zusammenarbeit auf Dauer erfolgreich sein kann, fordert die chinesische Seite eine grundlegende Änderung des russischen Einwanderungsgesetzes für seine Bürger. Die Chinesen nennen die von ihnen erworbenen Regionen Russlands „Entwicklungsbezirke“. Neben Transbaikalien haben die Chinesen Interesse an weiteren Regionen. In Russlands Pazifikraum gibt es neun sogenannte „Territorien besonderer Entwick-lung“ (TOR). China will in eine von ihnen, die Region Primorje, Regierungsbezirk Wladiwostok, zirka 80 Millionen Dollar investieren. Ein besonderes Interesse haben chinesische Firmen der benachbarten Provinz Heilongjiang am TOR „Michajloswskij“. Die Chinesen spielen ihre Trumpfkarte – Kapital und Arbeitskräfte – gezielt aus, um eine Öffnung der russischen Grenzen zu erzielen in dem Wissen, dass der Nachbar kaum eine Möglichkeit hat, die chinesische Expansion zu verhindern. Ohne Arbeitskräfte kann das Land nicht bearbeitet werden, und Russen aus dem europäischen Teil nach Asien zu locken, ist aussichtslos.

Neben fruchtbaren Böden ist Transbaikalien reich an Bodenschätzen. In der Region lagern Gold, Blei, Zink und Kohle, die mangels einer modernen Infrastruktur bislang nicht ausgebeutet werden konnten. Peking hat die Einrichtung eines 16-Milliarden-Dollar-Fonds für die Entwicklung eine Eisenbahnroute von Russland über Zentralasien nach China angekündigt.

Während die EU sich wegen der Einhaltung von Wirtschaftssanktionen gegen Russland zusehends als Partner Russlands verabschiedet, gewinnt die Achse Moskau-Peking-Neu Delhi immer mehr an Bedeutung. Nicht zuletzt an der Errichtung eines eigenen Bankensystems, der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB), wird deutlich,  dass die Schwellenländer des BRICS-Bündnisses (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) vom Hegemon USA die Nase voll haben. Sie werden ihre wirtschaftliche Entwicklung auch ohne Unterstützung  von USA und EU vorantreiben. Die Zahlen sprechen für sich: 1990 hatten diese Länder einen Anteil von zirka 25 Prozent an der Weltwirtschaftsleistung, heute stehen sie für 56 Prozent derselben und für 85 Prozent der Weltbevölkerung. Sie kontrollieren zirka 70 Prozent der Weltdevisenreserven, und sie wachsen pro Jahr im Durchschnitt um vier bis fünf Prozent.

Russland baut sich neue Handelswege auf. Im Mai wurde ein Abkommen über Gaslieferungen im Umfang von 30 Milliarden Kubikmeter jährlich von Vorkommen in Westsibirien nach China abgeschlossen. Das Besondere: Gazprom und China National Petroleum Corporation haben vereinbart, dass nicht in Dollar, sondern entweder in Rubel oder Yuan abgerechnet wird. Eine gefährliche Entwicklung für die USA und den Dollar, sollte dieses Beispiel Schule machen.

Pekings Seidenstraßen-Projekt (die PAZ berichtete), Russlands Plan für ein transkontinentales Eisenbahnnetz zur Errichtung eines chinesisch-mongolisch-russischen Wirtschaftskorridors sowie Machbarkeitsstudien für ein transnationales Stromnetz zeugen davon, dass Russland eine neue Phase eingeleitet hat: Die eurasische Achse ist bereits weit vorangeschritten. EU-Firmen, deren Verträge gekündigt wurden, haben das Nachsehen.

Manuela Rosenthal-Kappi
Quelle: Preußische Allgemeine

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